In dieser Rubrik veröffentliche ich Hintergrundartikel und Reportagen zu wichtigen Themen aus dem Wahlkreis und dem Landtag

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8. Februar 2017

Die Geschichte des Erfurter Judenpogroms von 1349 – Mord aus wirtschaftlichem Interesse

"Geschichte aus Stein und Pergament - Die alte Synagoge Erfurt (Reihe: Jüdisches Leben Erfurt)

Die Geschichte des Erfurter Schatzes ist bereits von vielen Seiten untersucht und eingeordnet worden. Neben der Tatsache, dass er ein kulturelles Kleinod ist und Zeugnis über die damaligen Ereignisse ablegt, legen die aktuellen Studien aber auch Erschreckendes offen: offenbar war bei dem Pogrom nicht nur ein aufgehetzter Mob unterwegs, sondern die Ereignisse wurden von allerhöchster Stadtstelle geduldet.

Im Rahmenprogramm der Sonderausstellung zu den Judenpogromen finden in der Alten Synagoge viele interessante Veranstaltungen statt. Unter dem Titel "… euch hindert hieran nymandt – Politische Hintergründe und wirtschaftliche Auswirkungen des Pogroms von 1349 in Erfurt" hatte der Erfurter Kulturdirektor Tobias Knoblich mit Christian Maria Weigelt und Hardy Eidam zwei sehr gut informierte Gesprächspartner eingeladen.

Eines wurde gleich zu Beginn des Gespräches klargestellt: die Pogrome können nicht auf die Anschuldigungen zurückgeführt werden, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und dadurch die Pest in die Stadt gebracht. Dies wird bereits in der zeitgenössischen Peterchronik bestritten. Sondern sie wurden offenbar die Opfer eines mehr oder weniger planvollen Vorgehens der Stadtspitze der damaligen Zeit.

Zunächst zeichnete Weigelt ein Bild der Zeit: In den Jahren 1348 und 49 fanden zahlreiche Pogrome gegen die Juden in vielen deutschen Städten statt. Auch in Thüringen fanden im Februar 49 bereits erste Judenmorde, u.a. in Gotha, Eisenach und Ilmenau statt. Es ist davon auszugehen, dass viele Juden aus diesen Städten in Erfurt Zuflucht suchten, denn die Situation der jüdischen Gemeinde der Stadt galt als einigermaßen gesichert. Eine fatale Fehleinschätzung. Denn der Rat der Stadt hatte im Einvernehmen mit einflussreichen Patrizierfamilien offenbar bereits versucht, sich durch Gesandte und Briefe gegen die Folgen eines möglichen Judenmordes abzusichern. Und so wurde, unter dem Einfluss der Patrizier und dem Stillhalten des Rates die Bevölkerung aufgewiegelt und zur Plünderung des Judenviertel aufgefordert.

Was denn die wirtschaftlichen Folgen dieses Vorgehens gewesen sei, fragte Knoblich in die Runde. Und die Antwort Eidams war kurz und eindeutig: „Erfurt wurde durch diese Pogrome noch reicher“ Und damit erklärt sich auch der Antrieb für die Gewaltexzesse: Grundstücke, Häuser, Vermögen und vor allem Schuldscheine sollten in die Hand der Stadt gebracht werden.

Allerdings verloren die „Anstifter“ offenbar ihren Einfluss über den mordenden Mob. Denn anstatt sich nur an den Menschen zu vergehen, wurde geplündert und die Häuser der Opfer in Brand gesteckt. Das belegen die Protokolle der Verhöre, die mit den verhafteten „Aufständischen“ nach den Taten geführt wurden. „Das Wort Judenmord wurde nicht einmal verwendet“ so Weigelt. Stattdessen ging es ausschließlich um den wirtschaftlichen Schaden für die Stadt, den die Angeklagten durch Plünderung und Brandschatzung angerichtet hätten.

„Einen Pogrom als wirtschaftlichen Aneignungsprozess“ nannte Knoblich dies später und Eidam skizzierte den Umfang des Mordens: ca. 800 Juden wurden getötet, von Überlebenden gibt es keinerlei Spuren. Allein dieses Ergebnis zeigt, wie genau diese Taten geplant und letztendlich umgesetzt worden sind. Ein schreckliches Vorzeichen dessen, was knapp 600 Jahre später in ganz Europa umgesetzt wurde.

Zum Podium:

Tobias J. Knoblich:             Kulturwissenschaftler, seit 2011Kulturdirektor der Stadt Erfurt und Vizepräsident der Kulturpolitischen Gesellschaft

Hardy Eidam:                       Geschichtswissenschaftler und Oberkurator der Erfurter Geschichtsmuseen und ehem. Direktor des Stadtmuseums Erfurt

Christian Maria Weigelt:    wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg

 

 

27. November 2016

Ein Nahversorger der besonderen Art: die Apotheke

Ein Schreiben der Apothekerkammer zum „Tag der Apotheke“ habe ich zum Anlass genommen, mich mit der Situation der Apotheken in meinem Wahlkreis zu beschäftigen.

Um es aber nicht nur bei der Theorie zu belassen habe ich auch einen Termin mit einer Apothekerin vereinbart.

Ausgangspunkt des Gesprächs war die Auswirkung des EuGH-Urteils zum Thema Rabattgewährung ausländischer Versandapotheken für deutsche Kunden (mehr dazu [HIER]). Dem Urteil zufolge ist es ein nicht zulässiger Nachteil für ausländische Apotheken, dass sie nicht wie die Deutschen keine Rabatte auf Arzneimittel gewähren dürfen. Nicht ohne Grund hat der deutsche Gesetzgeber bei uns die Preisbindung für (rezeptpflichtige!) Medikamente festgeschrieben, argumentiert die Apothekerin. Denn damit ist gewährleistet, dass alle Patienten überall in der Republik ihre Medikamente zum gleichen Preis bekämen. Würde diese Bindung aufgehoben, hätte dies schwerwiegende Konsequenzen: der beginnende Preiskampf würde insbesondere kleine Apotheken (in der Fläche) ins wirtschaftliche Aus befördern und damit ein weiterer Grund für die Bindung, nämlich die flächendeckende Versorgung, ebenfalls gefährden.

Dem Argument, in der Fläche könne doch dann die Versorgung über das Internet geschehen, entgegnete sie - und dies aus meiner Sicht nachvollziehbar - , die fachliche Beratung in einer Apotheke sei in keiner Weise durch eine Internetbestellung zu ersetzen.

Anschließend lernte ich, dass die Dienstleistung „Apotheke“ ein sehr streng reglementierter Bereich ist. Die Dokumentationspflichten sind sehr umfangreich und aufwändig, das nötige Fachwissen sehr umfangreich. Nicht umsonst ist der Beruf des Apothekers nur durch ein Studium zu erlangen, dass zudem immer wieder fachlich erweitert wurde. Doch moderne Technik hilft auch hier. Bei Stammkunden, die entsprechend eingewilligt haben, werden die ausgegebenen Medikamente gespeichert und bei jedem neuen Kauf abgeglichen. So werden Unverträglichkeiten oder gar Gegenindikationen ausgeschlossen. Besonders hingewiesen wurde ich auf das Modellprojekt ARNIM (Arzneimittelinitiative Sachsen-Thüringen) der Apothekerkammern, der kassenärztlichen Vereinigung und der AOK-Plus. Hierbei geht es um das Medikamentenmanagement bei Langzeittherapien bzw. Dauerverschreibungen. Die Apotheke hilft –salopp gesagt - den Patienten, die Übersicht zu behalten und prüft insbesondere die Verträglichkeit der unterschiedlichen Wirkstoffe. Damit wird sichergestellt, dass alle Medikamente, egal welcher Arzt sie verschrieben hat, zueinander passen. (mehr dazu [HIER]. Das besondere an ARNIM: für diese Überprüfung, für diese Leistung, erhalten die Apotheken eine Honorierung – erstmals.

Damit waren wir endgültig bei der wirtschaftlichen Situation der Apotheken angekommen. Es sei richtig, dass die Apotheken einen festgesetzten Anteil (10% vom Preis des Medikaments) erhalten. Allerdings führen sie davon einen Rabatt von 2,4% an die Kassen ab, vom Rest ist alles zu finanzieren: das Geschäft (incl. evtl. Kredite durch Aus- oder Umbau), das Personal und nicht zuletzt das Salär des Apothekers selbst. Zurzeit hilft noch das Berufsbild des Pharmazieingenieurs aus DDR-Zeiten, die ähnliche Befugnisse wie ein Apotheker haben und diesen auch vertreten dürfen. Aber geringer entlohnt werden. Da es diese Ausbildung nicht mehr gibt, werden zukünftig auch hier die Kosten durch die notwendige Anstellung von Apothekerinnen und Apothekern steigen. Da sich ihre Apotheke nicht im Bereich einer Einkaufspassage oder einem großem Ärztehaus befindet, fehlen zudem die Einnahmen durch Laufkundschaft. Reichwerden sieht anders aus, denke ich.

Abschließend habe ich mir die Logistik angeschaut, die eine Apotheke am Laufen hält. Zweimal am Tag wird bei einem Großhändler bestellt: der Computer überwacht den Lagerbestand und macht Bestellvorschläge. Diese werden aber von ihr noch einmal überprüf denn: der Apotheker muss alle Medikamente sofort bezahlen und erst nach Verkauf und Erstattung durch die Krankenkassen kommt das Geld wieder zur Apotheke zurück. Wird dann vielleicht noch ein Fehler gemacht, ein Rezept falsch abgerechnet, dann kann der Streit um die Erstattung auch mal vier Jahre dauern. Der Bestellvorgang ist also immer auch in Zusammenhang mit den liquiden Mitteln zu sehen – die Inanspruchnahme des (teuren) Dispokredits aber manchmal dennoch unerlässlich.

Nach einem Rundgang durch die Räume mit den bekannten Wänden von Rollschubladen, und dem Labor mit den Gläsern voller verschiedener Wirkstoffe und verlasse ich die Apotheke mit dem Gefühl, das dieser Beruf zumindest in kleinen Apotheken eine Menge Idealismus erfordert.

Besonders einen Satz habe ich mir gemerkt: Sie sei Apothekerin mit Leib und Seele. Aber sie wolle keine Medikamentenausgabestelle sein, sondern eben Menschen beraten, ihnen helfen. Und manchmal auch Kummerkasten sein. Respekt.

UPDATE:

Bundesgesundheitsminister Gröhe hat angekündigt, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln verbieten zu wollen. Dazu hat Kathrin Vogler, meine Kollegin und gesundheitspolitische Sprecherin der Bundestagfraktion, folgende Mitteilung herausgegeben:

Medikamente gehören in die Apotheke

„DIE LINKE im Bundestag begrüßt die Entscheidung des Bundesrats zum Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Mit dem Beschluss ist ein wichtiger Schritt zur Sicherstellung der wohnortnahen und qualitätsgesicherten Apothekenversorgung getan. Nun liegt es an der Bundesregierung, die Initiative aufzugreifen und zügig einen Gesetzentwurf in den Bundestag einzubringen“, erklärt Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, zum entsprechenden Votum der Länderkammer. Die Landesregierungen von Brandenburg und Thüringen, in denen DIE LINKE das Gesundheitsministerium leitet, hatten sich in den Beratungen des Gesundheitsausschusses im Bundesrat für den Beschluss stark gemacht. Vogler weiter:

„Medikamente gehören in die Apotheke, nicht in den Pakettransporter. DIE LINKE spricht sich schon lange für ein Versandverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel aus. Nur so kann sichergestellt werden, dass auch kleine Apotheken im ländlichen Raum eine Zukunft haben. Eine Versorgung rund um die Uhr, umfassende Beratung und Kooperation mit Ärzten vor Ort – das kann nur eine inhabergeführte Apotheke garantieren, kein internationaler Versandhandel. Nicht ohne Grund ist der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten nur in sieben EU-Ländern erlaubt.“

 

 

30. September 2016

„In Marbach soll eine Moschee gebaut werden“

Es geht nicht um Freiheit - es geht um gezielte Diskriminierung

Die Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde in Berlin Heinersdorf (Quelle: www.ahmadiyya.de)

Die Nachricht verbreitete sich sprichwörtlich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Natürlich besonders in Marbach

Sofort wurden die berechtigten verfassungsrechtlichen Argumente des Grundgesetzes zitiert, die da lauten: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (Artikel 3 GG). Und: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“ (Artikel 4 GG)

Ja, das sind unsere Werte.

Ja, das sind die Grundlagen unseres Miteinanders.

Ja, dies sind unsere gewachsenen Erfahrungen und Traditionen.  

Dennoch waren Fragen, Probleme, Sorgen, Nöte, Ängste und Befürchtungen von Bürgerinnen und Bürgern mindestens genauso schnell im gesellschaftlichen Diskurs, anknüpfend an die Debatte im Rahmen der Flüchtlingsprobleme und deren Wirkung und Auswirkungen in unserem Leben.  

"Die kommen doch nur, um an unserem Wohlstand teilhaben zu wollen".

"Uns soll mit dem Islam die Scharia übergestülpt werden".

Und letztlich immer wieder die Feststellung von Bürgerinnen und Bürgern: Wir sind nicht gegen Flüchtlinge. Wir sind auch keine Nazis, aber warum wird bei uns die Moschee gebaut? Jene Argumente, Befürchtungen und Ängste verstärkten sich durch Vorfälle wie Schlägereien in Aufnahmeeinrichtungen, Eigentumsdelikte oder Berichten über zunehmende sexuelle Belästigungen und Übergriffe wie in der Neujahrsnacht in Köln. Sofort sind auch die einfachen Antworten parat. Nicht hier. Nicht in unserem Land. Schickt sie alle dahin, wo der Pfeffer wächst.

In dieser emotionalen aufgeheizten Situation ist es wichtig, nicht nur mit Sachargumenten – Grundgesetz, Bauordnung, Religionsfreiheit, historische Verantwortung u. ä. – zu argumentieren und aufzuklären, sondern deutlich die Notwendigkeit von Humanität und die Chance von kultureller Vielfalt und Weiterentwicklung aufzuzeichnen.

Natürlich wird dieser Prozess kein einfacher, geschwiege denn problemloser Weg sein. Aber mit Abgrenzung, Ignorieren von menschlichem Leid, Not, Vertreibung oder gar Todesangst von Flüchtlingen werden wir diese Fragen nicht nachhaltig lösen. Für ebenso wichtig halte ich die seit Jahrzehnten gemachten positiven Erfahrungen mit Integration von Menschen anderer Länder und anderer Kulturen, wie z. B. in den 1950er und 1960er Jahren mit den italienischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und später mit den türkischen.

Es gibt nicht nur in der Geschichte, sondern auch aktuell unzählige Beispiele, wie sich Muslime in unserer Gesellschaft integrieren. Denn bereits seit rund 260 Jahren existieren muslimische Religionsgemeinschaften in Deutschland und bereits vor über 100 Jahren wurde die erste Moschee in Berlin-Wünsdorf errichtet. Heute leben über 4 Millionen Muslime in Deutschland, womit der Islam die drittgrößte Religionsgemeinschaft darstellt. Somit ist der Islam keineswegs „kulturfremd“ oder „fremdartig“, sondern seit langem ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft.

Ich hatte die Gelegenheit, die Marbacher Bürgermeisterin Katrin Böhlke bei einem Besuch einer Gemeinschaft der Ahmadiyya-Gemeinde in Berlin Heinersdorf zu begleiten. Als hier vor zehn Jahren die Baupläne bekannt wurden, gab es ähnliche Ängste und Proteste in der Bevölkerung. Letztlich hat sich nicht ein einziger der vorgebrachten Einwände und Befürchtungen wie Zuzug von Muslimen, Ausbildungsstätte des Islamismus und Terrorismus, Beeinträchtigung und Rückgang der Grundstückswerte bestätigt. Heute leben die Gemeindemitglieder und die Heinersdorfer friedlich miteinander. Frau Böhlke hat dies auch noch einmal in einem Interview im Berliner Tagesspiegel zur Kenntnis gegeben [HIER nachzulesen].

Die gegenwärtig initiierten Bürgerbegehren gegen den Bau der Moschee in Marbach haben nur ein Ziel und dies bringen Akteure und Verantwortliche der AfD, wie Herr Möller, klar zum Ausdruck. Er machte deutlich, dass nicht ein religiöser, gleichberechtigter Anspruch hergestellt werden soll, sondern gezielte Diskriminierung einer Glaubensrichtung. Ein buddhistischen Tempel, das ist für ihn okay, solange er halbwegs schön deutsch aussieht. Man erlaubt also, bei allem Deutschtum, anderen Glaubensgemeinschaften die Errichtung ihrer Gebetshäuser, will dies aber dem Islam verweigern. Wer in die jüngere deutsche Geschichte schaut, wird beängstigende, mit Blick auf das Judentum, Parallelen feststellen.  

Die evangelische und katholische Kirche Erfurts haben sich für den geplanten Moscheebau ausgesprochen. Bischof Neymeyr verwies darauf, dass derjenige, der in anderen Ländern Religionsfreiheit fordert, den religiösen Minderheiten im eigenen Land nicht vorenthalten dürfe.

Letztlich ist der Aussage Bodo Ramelows nichts hinzuzufügen: „Die Pläne für den Bau einer Moschee in Erfurt werden eine Bereicherung des kulturellen Lebens der Stadt sein".